Ü50-Jetzt spricht der Capitano, 48. Kabinengeflüster von Gottfried Weise

14. Dezember 2018

Gottfried WeiseJetzt spricht der Capitano

„Ich genieße es, wenn die Truppe lebt“, beschrieb ein aufgekratzter Capitano Jockel Jörg Rieck einmal die Kabinenszene: „Manchmal ist es wie im Kindergarten. Da wird gelacht, gesungen, geschnattert, gekichert. Eine geile Band!“ Für diese entspannte Atmosphäre trug  Jockel  in jeder Fortuna-Etappe ein ganz entscheidendes Scherflein bei. Ob unter Trainer Ökonom Gerdchen Schreiber, Taktikfuchs Micha Schuthi oder Disziplinfanatiker Jürgen Hinz – Jockel  war für jeden Coach ein idealer Kapitän. Auf den Mann mit der Nummer 4 war stets Verlass: Kritisch, loyal, teamfähig. So führte der explosive Sprinter auf der rechten Seite seine Fortuna zur Berliner Meisterschaft und zum Pokal. 

In dieser Hochzeit konnte man erahnen, dass der aus Hoppegarten stammende Jockel durchaus höhere Fußball-Weihen erreichen konnte. Während seiner 18monatigen  Armeezeit spielte der einstige Leichtathlet immerhin mit den Oberligagrößen Thomas Dennstedt ( Lok Leipzig) und Martin Iffahrt ( Rot-Weiß Erfurt) im Trikot von Vorwärts Storkow. Seitdem sind gut dreißig Jahre vergangen und –  der Capitano ist immer noch am Ball. Trotz der zwei lädierten und operierten Knie. „Ich bin eben ein positiv Verrückter.“ Mit Frau Sabine hält sich Jockel beim Joggen fit. Er lacht: „Jetzt läuft mir sogar meine Frau davon. Sie schafft 10 Kilometer, ich nur 8.“  Ein Grund dafür, dass die Fortuna  inzwischen bei Jürgens Truppe zur Halbzeit-Pause auf  dem 12. und damit auf einem Abstiegsplatz herumdümpelt.

1. Im Spielerprotokoll tauchte beim jüngsten 0:1 gegen Spandauer Kickers der Name Rieck gleich zweimal auf – als Spieler und als Trainer. Wie kam es denn dazu ?

Jürgen lag flach im Bett, war total frustriert, denn mit seinem Ehrgeiz und seiner Disziplin hatte er solche Situationen meist bis zum Anpfiff überstanden. Doch diesmal spielte der Körper nicht mit

2. Die Fortuna reiste zum letzten Spiel der ersten Halbserie mit einer hohen Erwartungshaltung zu den Kickers nach Spandau . Warum reichte es weder zu einem Tor noch zu einem Punkt ?

Weil uns dieses Dilemma über die ganze Saison hinweg verfolgt. Der Kader ist inzwischen zu dünn. Die vielen Absagen, ob wegen Verletzung oder Arbeitsgründen, können nicht kompensiert werden.

Welcher Druck von der Bank kommen kann, zeigte jüngst Andrè Weise gegen Lichtenrade. Beim 4:4  gelang ihm mit zwei Treffern fast die Wende am Grabensprung. Nur wenn alle laufen können und von der Bank frischer Wind kommt, dann können wir auch mit den Topteams mithalten. Gegen Hertha BSC, Blau-Weiß oder die Neuköllner haben wir jeweils nur mit einem Tor Unterschied verloren.

3.Mit Heiko Schickgram prophezeite der technisch versierteste Fortune schon vor dem ersten Kick off: „Das wird eine Saison gegen den Abstieg.“ Wie fällt die Halbzeit-Analyse vom Capitano Jockel Rieck aus ?

Da bin ich absolut bei Schicki. Doch oft ist es auch nur ein schmaler Grat. Ich denke nur an das 0:1 in Spandau. Kurz davor schießt Heiko den Keeper der Kickers an. Auf der anderen Seite springt nach einer Flanke der Ball auf die Querlatte und von dort genau vor die Füße der Spandauer. Die sagen natürlich Danke! 

4. Mit Jürgen Klawe (4), Uli Berger und Andrè Weise ( je 3) kamen drei Offensivleute auf die beste Quote. Die Überraschung: Der Toptorjäger der vergangenen Jahre, Torsten Schrumpf, traf in der Meisterschaft nicht einmal. Wie ist dieses Phänomen zu erklären ?

Jürgen und Torsten Schrumpf, das ist eine schwierige Beziehung. Obwohl Torsten auch schon wieder 10 Jahre bei uns ist, hat er Jürgen noch nicht vollends von seinem Fitnesszustand  überzeugen können. Der Trainer möchte ihn am liebsten mal in den Wald schicken. Doch 

das funktioniert nicht. Torsten ist in seinem Job viel unterwegs, schwört ja auch auf zusätzliche Trainingseinheiten am Dienstag. Das Vertrauen der Truppe hat Torsten, seine Qualitäten als Torjäger sind prinzipiell anerkannt. Ich glaube, es ist mehr ein psychologisches Problem. Torsten möchte ein wenig gebauchpinselt werden. So blüht er auf, wenn er an jedem Saisonende den „Reiseleiter“ gibt. Zuletzt hat er für rund 30 Leute in Greifswald eine perfekte Abschlussfete organisiert. Großartig! Wenn er dann noch erzählt, dass er in Greifswald den Vater von Toni Kroos getroffen hat, dann leuchten seine Augen.  

5. Was rätst Du Torsten für die zweite Halbserie ?

Dranbleiben! Dranbleiben! Dranbleiben! Das ist der einzige Weg zu mehr Spielminuten.

6. Wer hat seine Möglichkeiten am ehesten ausgeschöpft ?

Erst einmal ein Riesenrespekt vor den Oldies Hocki Gernot Hallmann und Finki  Hans-Joachim Fink, die bereits über 60 sind. Ansonsten fiel Jörg Müllex durch eine solide und stabile Halbserie besonders auf. Seit langem ist er ohne Probleme durch eine Halbserie gekommen. Er ist momentan in der Defensive gesetzt.. 

7.. Deine Philosophie war stets: „Das Team ist alles, der einzelne nichts.“ Ist diese Erfahrung auch der Schlüssel im Kampf gegen den Abstieg ?

Es ist der einzige Schlüssel. Ich hoffe nur, dass ab Februar alle wieder gesund und fit sind.

8. Braucht es besondere Typen im Abstiegskampf ( Erfahrene wie Heiko Schickgram, die mit einem Spruch Zuversicht verbreiten: „Als Spieler bin ich noch nie abgestiegen…“)

Da ich auch noch nicht abgestiegen bin, haben wir doch schon einige Erfahrung zuletzt im Abstiegskampf. Klar, der Fight um die Überlebensplätze

wird härter sein als in der Komfortzone.

9. Wie stark  machte sich der Ausfall von Peter Wichmann bemerkbar ?

Riesig! Sein schon legendärer Fünf-Meter-Antritt mit anschließendem Torschuss sorgten beim Gegner für unheimlichen Druck.

10. Wie hilfreich sind in der Kabine aufmunternde Worte von erfahrenen Leuten – z. B. von Uwe Rutenberg, dem Gründervater der Ü50 ?

Das hat Gewicht. Jeder betrachtet so ein Ritual zwar unterschiedlich. Doch „Rutes“ Anwesenheit vor und nach dem Spiel zeigt doch, dass das Umfeld, in diesem Fall der Gründervater der Ü50, uns wahrnimmt. Feine Geste.

12. Welchen psychologischen Beistand kann die Riege der Frauen ìm Abstiegskampf leisten ?  

Ich denke, auf den Ausgang des Spiels haben sie weniger Einfluss. Aber die Frauen und Partnerinnen  können den Teamgeist stärken. Da wird schon mal gefragt, wie geht es deinem Enkel, wie geht’s der Familie ?

13. Welchen Rang belegt Fortuna am Saisonende ?

Ich bin überzeugt, es wird ein Nicht-Abstiegsplatz sein.

Auf dem Weg dahin viel Glück – und jetzt eine schöne Party! 

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